Schon in den 1920er Jahren klangen in Köln die ersten Jazz- und Swing-Melodien. Die Stadt war wie ganz Deutschland fasziniert von den neuen amerikanischen Rhythmen: Tanzlokale und Cafés spielten Foxtrott, Charleston und frühe Jazz-Nummern. Zeitungen und Lokalreportagen beschreiben lebhafte Tanzcafé-Szenen im Weimarer Köln – die Menschen sehnten sich nach Vergnügen nach dem Ersten Weltkrieg. Bekannte deutsche Tanzorchester (z.B. die Weintraub Syncopators) machten auch hier Station, und mit der Radiosendung Berlin – Ausland hörten die Kölner Stars wie Louis Armstrong und Duke Ellington schon vor 1930 im Radio. Doch bereits Mitte der 1930er Jahre schlug der Wind um: Mit dem NS-Regime wurde Jazz als „Negermusik“ geächtet. 1935 verboten die Nazis den Jazz, jüdische und afroamerikanische Musiker mussten emigrieren oder untertauchen. In Köln wie anderswo wurde die Jazzszene zum Großteil mundtot gemacht – viele Bands lösten sich auf, Platten durften nicht mehr verkauft werden. So endete die offene Jazz-Ära der 1920er Jahre abrupt unter Hitler.
Nach 1945 erlebte Köln ein musikalisches Comeback. In der amerikanischen Besatzungszone – zu der auch Köln gehörte – öffneten sich neue Tore für Jazz, Soul und später Rock’n’Roll. Die US-Armee startete Radiosender wie AFN (Armed Forces Network), und über deren Wellen hörten die Kölner jede Woche Swing und Rhythm & Blues. In den Kasinos und Clubs der US-Servicestationen spielten nun echte US-Musiker live, und deutsche Bands kopierten den Sound. So entstand eine kleine Blütezeit des Jazz und Rhythm & Blues in Köln. Bis in die 1950er Jahre hinein entstanden hier Jazzclubs, und man traf sich zum Tanzen. Auch Soul-Klänge fanden Einzug: Viele GI’s brachten Schallplatten aus Amerika mit, sodass Blues und Soul bald in jeder zweiten Kölner Kneipe liefen. Insgesamt beförderten die Alliierten den Austausch: Deutsche Musiker lernten direkt von US-Kollegen, und Köln entwickelte sich zum Drehkreuz dieser neuen Musik.
AFN-Berlin in der Podbielskiallee 28 in Berlin-Dahlem ca. 1950
Disc-Jockey im AFN-Studio ca. 1968
In den 1960er Jahren radikalisierte sich das Musikleben. Motown-Soul, Funk und frühe Disco schwappten aus den USA über den großen Teich, und Köln war mittendrin. Junge Bands in Köln mischten Beatmusik mit Soul: Probeaufnahmen eines Kölner Labels zeigen bereits 1965 R&B-beeinflusste Stücke. Clubs und Diskotheken entstanden. Bereits 1964 wurde mit dem Lord’s Inn an der Roonstraße die erste offizielle „Diskothek“ in Köln eröffnet. 1967 folgte mit dem „Lovers Club“ (später Gypsies) die erste große Tanzhalle für Teenager. Studenten tanzten nachmittags im Café de Paris (ab 1963), abends füllten sich neue Clubs im Belgischen Viertel und auf den Ringen. In dieser Zeit tourten auch internationale Soul- und Funk-Stars durch die Stadt: Konzerte etwa von Soul-Legenden wurden in den Sartory-Sälen und der Sporthalle gefeiert.
Legendäre Orte entstanden in dieser Epoche. Das King Georg zum Beispiel öffnete 1968 in der Sudermanstraße nahe dem Ebertplatz seine Tore. Auch wenn der Ort heute als einer der modernsten Jazzclubs der Stadt gilt, hatte er damals mit Live-Musik noch wenig zu tun: Das Lokal startete als berühmt-berüchtigte Nacht- und Table-Dance-Bar im Rotlichtmilieu. Erst Jahrzehnte später sollte das charakteristische Plüsch-Interieur der 70er Jahre zur Kulisse für Konzerte und Kultur werden. Wer echten Jazz im Jahr 1968 suchte, wurde stattdessen im neu eröffneten Metronom im Kwartier Latäng fündig – damals noch am Zülpicher Platz –, wo der Gründer Fridolin „Friedel“ Doetsch die besten amerikanischen Jazz-Platten von Vinyl auflegte.
Ein anderer Kultort war das Café de Paris am Hohenstaufenring: 1963 eröffnete dieses Studentenlokal und wurde rasch zur ersten Nachmittags-Disco für junge Leute. Hier liefen R&B-Platten und heißer Funk. Später, in den frühen 1970ern, kamen Diskotheken wie Moroco und Colombo hinzu, die unter jungen Leuten Legendenstatus erlangten. Sie waren riesige Clubs auf den Ringen, in denen Disco vor dem Wort „Schlager“ den Ton angab.
Bis 1980 hatten sich in Köln mehrere wichtige Musikstätten etabliert. Der Stadtgarten etwa war ursprünglich ein Parkrestaurant (1900er Jahre), dann lange ungenutzt, bis 1978 die Initiative Kölner Jazzhaus ihn rettete. 1986 wurde dort der Konzertsaal Studio 672 in einem Gewölbekeller eröffnet – gerade rechtzeitig für die boomende Szenenmusik. Ab Ende der 1980er Jahre fanden sich im Stadtgarten jeden Monat Jazz-, Soul- und Funkbands, oft aus den USA und England. Die Musikvermittlung hier war so nachhaltig, dass der Stadtgarten 2016 den Kulturpreis „APPLAUS – Location des Jahres“ bekam. Heute findet im Stadtgarten (mit bis zu 400 Konzerten im Jahr) ein Großteil von Kölns Jazz-, Soul- und Funkveranstaltungen statt. Dieses traditionsreiche Haus verbindet also die historische Stadtarchitektur mit hochkarätigem Live-Programm – von Jazzklassikern bis zu funkigen Soulklängen.
Neben dem Stadtgarten hat Köln noch weitere legendäre Adressen. Ein Beispiel ist das Jazz-Kneipchen „Päff“ am Friesenwall (heute Päffgenhaus): 1968 als Jazz-Club von Günter Päffgen gegründet, spielte dort nach Jahren der Schließung seit 1993 wieder der Geist von Soul und Blues auf. In den frühen 1970er Jahren trat dort zum Beispiel Saxophonist Gunter Hampel mit seiner Jazz-Formation auf. Solche Orte verbanden die kölsche Kneipenkultur mit amerikanischen Klängen.
Auch Diskotheken und Tanzbars prägten die Szene: Ende der 1990er Jahre sorgte zum Beispiel das Stecken (Maastrichter Straße) für Aufsehen. Dieses Unterground-Lokal öffnete regelmäßig seine Kellerpforten für Soul-, Disco- und House-Nächte und wurde mehr als ein Jahrzehnt lang von seiner musikverrückten Stammkundschaft gefeiert. Das Stecken war kein gewöhnlicher Ort. Kein großes Schild, kaum Licht, eher ein Keller, den man kennen musste. Seine Wände voller Tags, Sticker und über Jahre angesammelter Spuren seiner Gäste. Der Laden wirkte gleichzeitig verborgen und offen, roh, urban und angenehm unaufgeräumt – genau die Art von Ort, an dem Musik wichtiger war als Inszenierung. Diese besondere Aura machte das Stecken zu einem Ort für echte Musik-Nerds. Im Jahr 2014 musste der Club dann einem Heizungskeller weichen.
Ein weiterer Schlüsselort ist das E-Werk Köln in Mülheim. Ursprünglich ein Kraftwerk, wandelte man es in den 1990er Jahren in einen Kultur- und Veranstaltungsort um. Mit seinem industriellen Charme wurde das E-Werk zum beliebten Treffpunkt für Konzerte und Partys jeglicher Couleur. Heute bieten die Hallen hier Platz für bis zu 2.000 Besucher und ziehen mit Live-Konzerten regelmäßig großes Publikum an. Mit seinem vielfältigen Programm (von Rock bis Soul) ist das E-Werk längst ein Stück lebendige Kölner Geschichte geworden.
Köln war über Jahrzehnte eine feste Station auf den Tourrouten internationaler Soul-, Funk-, Jazz- und Disco-Größen. Große Hallen wie die Sartory-Säle, die Sporthalle Köln oder später das E-Werk holten regelmäßig Künstler an den Rhein, die den Sound ihrer Zeit geprägt haben. Bereits in den frühen 1970er Jahren gastierten Acts wie Tower of Power oder Earth, Wind & Fire in Köln. Ihre Konzerte in Hallen wie den Sartory-Sälen oder der Sporthalle zeigten, dass Soul, Funk und Jazz in der Stadt längst kein Nischenphänomen mehr waren. Köln hatte sich zu einem festen Tourstopp für internationale Künstler entwickelt, die zwischen London, Paris, Amsterdam und den großen deutschen Städten unterwegs waren.
Ein Konzert steht dabei bis heute exemplarisch für Kölns Ruf als Musikstadt, auch wenn es stilistisch eher aus dem Jazz kommt: das berühmte „Köln Concert“ von Keith Jarrett. Am 24. Januar 1975 spielte Jarrett in der Kölner Oper ein improvisiertes Solokonzert unter schwierigen Bedingungen, auf einem eigentlich ungeeigneten Flügel und völlig übermüdet nach einer langen Anreise. Die Aufnahme erschien später als The Köln Concert und wurde zum meistverkauften Solo-Jazzalbum der Musikgeschichte. Das Konzert zeigt, welche internationale Strahlkraft Köln schon damals als Aufführungsort hatte. Der Podcast des WDR3 Kulturfeature fasst die Hintergründe dieses legendären Konzertes in einer 54-minütigen Folge (unten per Spotify eingebettet) brilliant zusammen.
Auch Funkgeschichte wurde in Köln nicht nur auf großen Bühnen geschrieben. Ein starkes Beispiel liefert Maceo Parker, langjähriger Saxophonist von James Brown, dessen Live-Album Life on Planet Groove 1992 im Stadtgarten aufgenommen wurde. Solche Aufnahmen zeigen, dass amerikanische Funkgeschichte in Köln nicht auf Distanz konsumiert wurde, sondern direkt in den Clubs der Stadt stattfand, wenige Meter entfernt vom lokalen Publikum.
Bis in die Disco-Ära hinein blieb Köln ein wichtiger Anlaufpunkt. Donna Summer spielte Ende der 1970er Jahre in der Stadt, Anfang der 1980er folgten Künstlerinnen wie Chaka Khan. Viele dieser Termine lassen sich heute über Konzertplakate, Fanarchive und Tourdaten rekonstruieren. Die Linie reicht von Soul- und Funk-Bands der 1970er über Jazz-Fusion und Disco bis zu heutigen Tourproduktionen. Dass Tower of Power auch 2026 wieder in Köln angekündigt sind, passt deshalb ins Bild: Die Stadt ist bis heute ein Ort, an dem internationale Groove-Musik regelmäßig landet, und zwar nicht als nostalgische Randnotiz, sondern als fortlaufende Konzertgeschichte.
Auch in den letzten zwei Jahrzehnten hat Köln seine Soul- und Funkszene lebendig gehalten. Die Stadt beherbergt mehrere Kult-Plattenläden, die über Vinyl-Sammler hinaus Fans von Funk, Soul und Disco anziehen. So wurde der Groove Attack Record Store schon 1990 (ursprünglich in Wuppertal) gegründet und zog 1992 dauerhaft nach Köln ins Belgische Viertel. Dort ist er bis heute ein Anlaufpunkt für Vinyl-Liebhaber, insbesondere von Hip-Hop, Soul und elektronischer Musik. Der legendäre Laden verkauft unzählige gebrauchte und neue Platten und hat das breite Spektrum der Kölner Musikgeschichte in seinem Sortiment.
Ebenfalls bedeutsam war Nunk Music im Belgischen Viertel: 1994 eröffnete Uwe Schmandin seinen Laden, der rasch Kultstatus erreichte. Nunk galt lange als „Mekka für Vinylfans“, bis er 2019 nach 25 Jahren schließen musste. In Interviews wurde berichtet, dass Platten aus allen Genres bis unter die Decke gefüllt waren und internationale Musikliebhaber den Laden besuchten. Nunk war besonders für Soul- und Funk-Klassiker bekannt und ein Ort, wo Sammler echten Schatzstatus entdeckten.
Wie lebendig die Kölner Musikgeschichte geblieben ist, zeigt ein Blick auf die heutigen Hotspots, die ihre Wurzeln tief in den Sechzigern haben – sich aber völlig unterschiedlich entwickelt haben:
Das King Georg hat die wohl radikalste Metamorphose hinter sich. Nach einer Ära als Indie-Kult-Klubbar ab 2008 wurde der Laden 2019 komplett neu erfunden. Wo 1968 noch das Rotlichtmilieu verkehrte, schlägt heute das edle, moderne Herz der Kölner Live-Jazz-Szene. Mit erstklassiger Akustik und internationalem Programm hat sich der einstige Plüsch-Club zu einem der renommiertesten Jazz-Clubs des Landes gewandelt. Wer es dagegen absolut zeitlos mag, zieht ein paar Viertel weiter ins Kwartier Latäng. Das Metronom (seit 1981 in der Weyerstraße) hat sich in fast 60 Jahren optisch und atmosphärisch kaum verändert. Auch wenn der Gründer die Bar längst übergeben hat, führt der heutige Inhaber die Tradition penibel fort: Bis heute ist das Metronom eine verrauchte, gemütliche Zeitkapsel, in der der Jazz ausschließlich von geschichtsträchtigen Vinyl-Schallplatten kommt. Neben den seltenen Pressungen und der sorgfältig kuratierten Musik gehört hier vor allem der Mann hinter der Theke selbst zum lebenden Inventar – geschätzt als wandelndes Musiklexikon und bekannt für den einen oder anderen trockenen Spruch.
Daneben gibt es eine junge Generation von DJs und Kollektiven, die Funk & Soul weitertragen. Ein Beispiel ist das DJ-Kollektiv E.P.I.Q. aus Köln: Die Gruppe organisiert regelmäßig Club-Nächte, bei denen Soul, Funk, Hip-Hop und R&B im Mittelpunkt stehen. Laut eigener Beschreibung versammelt E.P.I.Q. acht lokale DJs, die mit einer Mischung aus Soul, Hip-Hop, R&B bis House und Breakbeats das Publikum begeistern. Solche Initiativen zeigen, dass auch heute in Köln nach wie vor tanzbar aufgespielt wird.
Und natürlich gibt es Orte zum Feiern: So ist der Club Bahnhof Ehrenfeld (CBE) in den 2010er Jahren entstanden und zählt heute zu den bekanntesten Veranstaltungsorten für Soul- und Funk-Konzerte in Köln. Ebenso zieht die Scheinbar ein Publikum an, das Lust auf 60er- und 70er-Sounds hat. Die rote Inneneinrichtung, schwere Samtvorhänge und die leicht verruchte Atmosphäre wirken wie ein bewusst gesetzter Gegenentwurf zu glatten Bar-Konzepten.
Der Jazz-Club King Georg in der Sudermannstraße in Köln.
Die Bar Metronom ist seit 1968 eine Kölner Institution in Sachen Jazz.
Die Lampen in der Scheinbar im Belgischen Viertel versprühen nach wie vor den Charme der 70er Jahre.
An Vinyl-Tauschbörsen oder in privaten Plattenpartys trifft man DJs und Sammler, die den Groove der schwarzen Musiktradition weiterleben lassen.
Nicht zuletzt lebt die Szene von ihrer Offenheit: Egal ob im Jazzclub mit live gespieltem Funk, bei Soul-DJs in offenen Clubs oder auf Open-Air-Partys – Köln bietet für Musikliebhaber viel Abwechslung. Internationale Events wie das Cologne Soul Weekender Festival oder kleine Nachbarschafts-Partys verbinden dabei Vergangenheit und Gegenwart. Die alten und neuen Lokale (von Groove Attack bis Diskotheken wie Zollverein) zeigen, dass die Liebe zu Funk, Soul und Disco in Köln ungebrochen ist, auch wenn die Kölner Club-Landschaft inzwischen deutlich heterogener geworden ist. In Summe ist Köln heute eine Stadt, in der die Geschichte dieser Musikrichtungen sichtbar und hörbar weiterlebt – und in der du jederzeit in Clubs, Bars und Plattenläden in die verschiedensten Facetten von Funk, Soul, und Disco eintauchen kannst.
Quellen: Historische und aktuelle Informationen wurden aus Stadtarchiven, Zeitungsartikeln und Veranstaltungsquellen zusammengetragen